“Tabubrüche”?! – Replik auf Ruedi Epple

In der aktuellen Ausgabe (2/2021) der Fachzeitschrift Arbeiter – Bewegung – Geschichte hat Ruedi Epple dankbarerweise den ersten Band meines Buches besprochen. Er kommt insgesamt zu einem positiven Fazit: “Das Ergebnis meiner Lektüre sei vorweggenommen: Es gelingt Stephan in der Tat, einen Nietzsche zu präsentieren, der Linken etwas zu bieten vermag.” (S. 147) Und: “Paul Stephans Einführung entspricht somit den Erwartungen, mit denen ich sein Bändchen in die Hand genommen habe.” (S. 148) Er fasst meine Grundthesen fair und adäquat zusammen, dafür danke ich ihm.

Auf seine einzelnen Kritikpunkte möchte ich hier nicht eingehen, davon kann sich jeder selbst ein Bild machen. Zitieren möchte ich jedoch eingehend den Schluss seiner Besprechung. Vor allem aus dem Grund, weil ich ihn wirklich bezeichnend finde:

Etwas aufgesetzt wirkt, dass der Autor mit Tabubrüchen kokettiert. Obwohl er kaum Sekundärliteratur zu Nietzsche anführt, bleiben ausgerechnet die Fußnoten zu Büchern von Peter Sloterdijk und Ernst Jünger stehen. Das ist vermutlich kein Zufall. Gravierender ist aus meiner Sicht aber Stephans Verzicht, sich um eine gendergerechte Sprache zu bemühen. Nach all den entsprechenden Erfahrungen und Experimenten, die in dieser Sache verschiedene Formen hervorgebracht haben, kann ich diesen Verzicht nur noch als gesuchten Tabubruch empfinden. (Ebd.)

Das muss wirklich irritieren. Ich kann kaum abstreiten, dass einige Passagen in meinem Buch einen provokaten und sogar polemischen Charakter haben. Das liegt teilweise an meiner Art zu schreiben, teilweise auch einfach am Gegenstand, Nietzsche und seinen Nacheiferern. Aber den Vorwurf, gezielt “Tabubrüche” zu suchen, muss ich wirklich zurückweisen. Natürlich ist es sehr vom Betrachter abhängig, was als “Tabubruch” gilt und es ist jedem unbenommen, diese oder jene Bemerkung als Bruch seiner persönlichen Tabus zu empfinden. Doch man wundert sich schon, wenn man die Beispiele von Epple betrachtet: Ist es ein “Tabubruch” – neben dutzenden anderen Namen – auch Ernst Jünger und Peter Sloterdijk als Referenzautoren anzuführen? Und warum ich die die “Gendersprache” in dem Buch nicht gebrauche, begründe ich in meiner ersten Fußnote ausführlich und, wie ich finde, sehr sachlich:

In diesem Buch wird auf die in vielen linken Publikationen inzwischen geradezu zum Schibboleth einer adäquaten Gesinnung gewordene ‹Genderung› bewusst verzichtet. Nicht nur wird der Ästhetik des Textes und dem Lesefluss durch sie Gewalt angetan: Die von den meisten Befürwortern der ‹Genderung› vorausgesetzte Gleichsetzung von grammatikalischem und biologischem Geschlecht ist sprachwissenschaftlich umstritten. Damit soll die Debatte um eine patriarchale Überformung der Sprache keinesfalls diskreditiert werden, sie ist im Gegenteil eine der wichtigsten und nötigsten Diskussionen unserer Zeit. Es war Nietzsche selbst, der als einer der ersten auf den Herrschaftscharakter der Sprache hingewiesen hat. Wir werden auf diese Thematik zurückzukommen haben! (S. 7)

Im Abschnitt e) des Schlusskapitals kritisiere ich in der Form von fünf Einwänden in wiederum sehr um Sachlichkeit bemühter Form genau die Art denunziatorischer linker Kulturpolitik, für die Epple hier ein gutes Beispiel abgibt.

Wenn die von Epple angeführten Beispiele heutzutage wirklich einen “Tabubruch” darstellen, dann ist es mit der Wissenschafts- und Denkfreiheit wahrlich noch schlechter bestellt, als ich es in meinem Buch beschreibe. Sobald man bestimmte Sprachcodes nicht bedient oder die falschen Namen erwähnt, wird man in suggestiver Weise in die falsche Ecke gestellt – und das könnte schlimmstensfalls eine ernsthafte Rufschädigung nach sich ziehen.

Suggestiv ist diese Stelle, weil Epple eben suggeriert ich würde mit meiner Nicht-Verwendung der Gendersprache bewusst eine Grenze überschreiten wollen – obwohl ich sie ja explizit rechtfertige – und vor allem Autoren wie Jünger und Sloterdijk – die als rechts gelten – lobend zitieren. Zum ersten Punkt ist genug gesagt, zum zweiten kann ich nur anführen, dass ich mich dezidiert auf den Nachkriegs-Jünger beziehe, der mit dem Vorkriegs-Jünger kaum zu vergleichen ist, und dass ich Sloterdijks großartige Studie Der Denker auf der Bühne. Nietzsches Materialismus zitiere von 1986, als Sloterdjik noch aus einer ausdrücklich linken Perspektive heraus schrieb. Ich bin mir natürlich bewusst, dass es eine Provokation darstellt, in einem für ein linkes Publikum geschriebenen Buch darauf hinzuweisen (im 2. Band mache ich das sehr ausführlich), dass Ernst Jünger während des Zweiten Weltkriegs eine wirklich bemerkenswerte moralische Wendung vollzog. Und das Sloterdijk bei vielen Linken als persona non grata gilt, ist mir nicht unbekannt. Aber Sloterdjik ist halt einfach einer der tiefsten Denker der Gegenwart und ebenso ist es ein Fakt, dass Jünger ein interessanter Schrifsteller ist, der den Nationalsozialismus in seinen Nachkriegsschriften in klaren und eindeutigen Worten kritisiert. Der Waldgang ist ein tolles Buch. Ich will meinen Lesern nicht einfach nur ihre Weltsicht bestätigen, sondern sie auf Punkte hindeuten, wo sie vielleicht dazulernen könnten, wenn sie denn wollten.

Ich habe mal geschaut, auf welche Nietzsche-Interpreten ich mich nur im ersten Band positiv-anerkennend beziehe in Fußnoten und das sind schon eine Menge ganz unterschiedlicher Couleur: Helmut Heit (was Epple auch erwähnt), Max Horkheimer, Thomas H. Brobjer, Caroline Picart, Theodor Schieder, James Conant, Jan Rehmann und Andreas Urs Sommer. Schieder könnte man mir jetzt, wenn man sich die Mühe machte, ihn zu googeln, auch vorhalten – aber seine Studie Nietzsche und Bismarck von 1963, geschrieben also lange nach seiner NS-Verstrickung und auch inhaltlich frei davon, ist eben nun einmal bis heute die beste zu der im Titel genannten Thematik, weil sie weder versucht, Nietzsches Bismarck-Bewunderung zu leugnen oder zu relativieren (wie es vor allem jüngere linke und liberale Interpreten oft tun), noch, ihn als einseitigen Fan des “eisernen Kanzlers” darzustellen (wie es manche Rechte versuchen). (Was ja auch meiner eigenen Herangehensweise entspricht.)

Ich kann angesichts dessen eigentlich nur wiederholen, was Epple gelesen, was ihn aber offensichtlich leider nicht zum Nachdenken gebracht hat:

Führen wir keinen Polizei-, führen wir einen Wirklichkeitsdiskurs, in dem es offen und ehrlich um die richtigere Interpretation der Wirklichkeit im Wissen darum geht, dass sich diese nie einfach unmittelbar als ‹Wahrheit› darbietet. Führen wir einen Kampf, in dem es darum geht, zu siegen auf der Grundlage einer besseren Interpretation der Welt und nicht darum, um jeden Preis moralisch überlegen sein zu wollen. Linke Diskussionen werden schon zu lange als elitäre Selbstbeweihräucherungen von Bessergestellten wahrgenommen, die sich gegenseitig darin bestätigen, auf der ‹richtigen Seite› zu stehen. Wo ist der Punk geblieben? Wer hat heute noch den Mut, wie Adorno eine öffentliche Diskussion mit einem der führenden Köpfe der Gegner zu führen? [Gemeint ist Arnold Gehlen.] War linke Kulturpolitik nicht mal mehr als ein verzweifelter Abwehrkampf, die Kooperation mit bürgerlichen Aufklärungskampagnen und ‹political correctness›? (Links-Nietzscheanismus, Bd. 1, S. 117)

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