Stimmen dritter

In der Ausgabe 11/2019 der Zeitschrift Konkret besprach Gerhard Schweppenhäuser das Buch im Rahmen eines Artikels mit dem Titel Fröhliche Wissenschaft, kritische Theorie. Soll man Friedrich Nietzsche den Dunkelmännern der Gegenaufklärung überlassen? (S. 60 f.). Es heißt dort am Ende des Textes (S. 61):

Der junge Philosoph Paul Stephan bringt das seltene Kunststück fertig, Nietzsches Philosophie mit einer Frage aufzuschließen, die normalerweise zu Scheuklappen und Denkverboten führt. Er fragt nämlich, wie man sich Nietzsches Philosophie politisch zunutze machen kann. Der “wilde Dialektiker” habe gesehen, dass “jeder Fortschritt in der Freiheit zugleich einer in der Versklavung gewesen ist”. Dies habe er zwar als Naturgesetz missverstanden, aber keine politische Befreiungsbewegung dürfe den Sachverhalt ignorieren. Wenn [Volker] Caysa mitunter dazu neigt, Nietzsches Widersprüche im nachhinein zu synthetisieren, arbeitet Stephan sie heraus und zieht aus ihnen analytische Kraft. Beispielsweise lasse sich aus Nietzsches Kritik des Feminismus viel über die Aporien von Teilemanzipationen in einer Gesellschaft lernen, die als Ganze unfrei bleibt. Gegen die Körperoptimierungsideologie lasse sich mit Nietzsche an einer Wiederaneignung der Erfahrung des eigenen Leibes als “innerer Antikapitalist” arbeiten. Im Sinne der “schenkenden Tugend”, in der Nietzsche den Gegensatz zwischen Altruismus und Egoismus aufgehoben sah, erweise sich der wirtschaftliche Wachstumszwang als widersinnig und der Klimawandel als “Erschöpfungssymptom der Erde”. Zu guter Letzt stellt Stephan die berechtigte Frage, wie sich die Aporie sozialer Revolutionen überwinden lasse, die bisher stets vom Ressentiment der Unterdrückten belastet gewesen seien. Seine exzellente Einführung (die beste seit langem) dürfte nicht nur dabei helfen, die Aporie zu begreifen, sondern auch dabei, sie zu bearbeiten. Marcuse hätte seine helle Freude gehabt.

Eine ausführliche Rezension widmet dem Buch Hendrik Wallat auf kritiknetz.de (Link). Dort es unter anderem:

Besonders lobenswert ist es zudem, dass es Stephan gelungen ist, die vielen verschiedenen Schichten im Denken Nietzsches, seine Ambivalenzen, aufzudecken und offen zu halten. So sehr Stephan auch von Nietzsches Philosophie eingenommen zu sein scheint, ihr gerade aus linker Perspektive bisweilen monströser Charakter wird von ihm nicht unter den Teppich einer verharmlosenden und/oder tendenziösen Interpretation gekehrt. Für ein erstes Bekanntmachen mit Nietzsche aus einer dezidiert linken Perspektive ist seine Einführung somit allemal zu empfehlen. Alles in allem sticht seine Einführung aus den vielen Elaboraten der Nietzscheforschung positiv durch einen aktualisierend-philosophischen Zugang hervor. Beschränkt sich die akademische Forschung zumeist auf eine historisierend-philologisch immanente Analyse von Nietzsches Werk, so beschreitet Stephan den begrüßenswerten Weg eines lebendigen Philosophierens mit Nietzsche, das den Selbstanspruch des Denkers ernst nimmt. Sein Anliegen, Nietzsche vom Ballast der Interpretationsgeschichte zu befreien und ihn nicht zum Opfer der Nietzsche-Philologie werden zu lassen, ist begrüßenswert. Verdeckt jene in einem Übermaß Nietzsches Denken selbst, so hat diese aus jemandem, der sich selbst als Dynamit verstand, längst einen Teppichfurzer gemacht, mit dem man niemanden mehr erschrecken kann. (S. 2 f.)

Wallat bringt auch einige Kritikpunkte an dem ersten Band des Buches – manche von ihnen werden hoffentlich im zweiten Band ausgeräumt werden.

Auf dem anarchistischen Blog Paradox-A findet sich eine Zusammenfassung des Kapitels über die anarchistische Nietzsche-Rezeption vor dem 1. Weltkrieg, die in dem Fazit mündet:

Die fokussierte Darstellung Stephans im Abschnitt über die anarchistische Nietzsche-Rezeption, macht auf jeden Fall Lust, das Buch insgesamt zu lesen. Darüber hinaus verdeutlicht und verteidigt sein Autor den Standpunkt einer „linken“ Lesart Nietzsches – ohne deswegen dessen Komplexität und seine Rezeption durch die Neue Rechte zu negieren, welche er ebenfalls abbildet. Selbsterklärend ist allerdings, dass eine Wiedergewinnung Nietzsches für emanzipatorische Kreise nur mit seiner kritischen Lektüre auskommt.

Auf dem Portal Kultur und Politik bespricht der Politikwissenschaftler Maurice Schuhmann das Buch eher negativ (Link), erkennt aber an, dass es eine Forschungslücke füllt und hebt das hohe Niveau der Kapitel zur Psychoanalyse und zur Kritischen Theorie hervor. Ich habe zu dieser Kritik eine umfangreiche Replik verfasst (Link).

Der Doktorand Lukas Meisner (Erfurt / Jena) hat für Marx & Philosophy. Review of Books die erste Besprechung meines Buchs auf Englisch verfasst (Link). Er benennt einige Schwachstellen des Buches, doch kommt zu dem Fazit, dass das Buch ein wichtiger und unbedingt lesenswerter Beitrag zur kritischen Theorie der Gegenwart sei:

All in all, then, Stephan’s introduction is more than an introduction. It emancipates Left-Nietzscheanism from happy nihilism and thus makes possible to rethink the Nietzschean critique of nihilism in combination with the Marxian critique of capitalism as religion. This rethinking could create a new field of research into the Marxism-anarchism-nexus – and a new field for leftist critique more generally.

Auch der Ökonom Ulrich Busch kommt trotz mancher Kritik im Detail in seiner Besprechung für die Zeitschrift Berliner Debatte Initial (Nr. 4 [2020], S. 145-150) zu einer positiven Gesamteinschätzung. Was den ersten Band betrifft, stimmt er mir in einigen Punkten zu, widerspricht mir jedoch auch in manchen. Zum ersten Abschnitt des zweiten Bandes hält Busch lobend fest:

Am meisten überzeugt der erste Abschnitt, welcher der Interpretation Nietzsches in der Zeit bis zum Ersten Weltkrieg gewidmet ist. Die Ausführungen zu Georg Brandes, zum Einfluss Nietzsches auf den Feminismus und den Anarchismus, auf die Lebensreform-Bewegung und anderes mehr sind sehr informativ, gut recherchiert und werden anschaulich entwickelt. Es wird auch deutlich, dass es sich tatsächlich um Varianten eines „Links-Nietzscheanismus“ handelt. (S. 146)

Auch für den vierten Abschnitt findet Busch sehr anerkennende Worte:

Eine bessere und ausführlichere Behandlung [als aus Buschs Sicht die deutsche Nietzsche-Rezeption nach 1945; PS] erfährt die Nietzsche-Interpretation in Frankreich. Auf 135 Seiten erfährt der Leser viel Wissenswertes und vor allem vom deutschen Diskurs Verschiedenes über den „fröhlichen Nihilismus“ Nietzsches im französischen Existenzialismus, Dadaismus und Surrealismus, bei Georges Bataille, Michel Foucault, Gilles Deleuze und Félix Guattari, Jacques Derrida und François Laruelle. Hier verfügt der Autor offensichtlich über ein beachtliches Spezialwissen. Seine Darstellung des französischen Nietzsche-Bildes rundet den Text ab. (S. 147)

Er hebt zudem positiv hervor:

Der Text wird ergänzt durch ein ausführliches Literaturverzeichnis sowie ein Sach- und Personenregister, was die Arbeit mit dem Buch erheblich erleichtert. (Ebd.)

Er kommt zu dem Gesamtfazit: “[A]lles in allem ist das Buch eine bemerkenswerte Publikation.” (Ebd.)

Ruedi Epple hat den ersten Band des Buches für die Ausgabe 2/2021 der Fachzeitschrift Arbeit – Bewegung – Geschichte: Zeitschrift für historische Studien besprochen (S. 147 f.). “Es gelingt Stephan in der Tat, einen Nietzsche zu präsentieren, der Linken etwas zu bieten vermag” (S. 147) hält er anerkennend fest und: “Was im Resümee des Autors schließlich zusammenkommt, ist aus linker Sicht bedenkenswert.” (Ebd.) Sein (positiv gemeintes) Fazit: “Paul Stephans Einführung entspricht somit den Erwartungen, mit denen ich sein Bändchen in die Hand genommen habe.” (Ebd.) Er fasst die wichtigsten Kernpunkte meines Buches trefflich zusammen – führt jedoch auch einige Kritikpunkte an, die mich zu einer kleinen Replik veranlasst haben.