Forum

Bitte oder Registrieren, um Beiträge und Themen zu erstellen.

"man kann nicht als ein Professor Nietzsche leben"

"Die Chance des Philosophen besteht in seiner Unfähigkeit, das Wort <selbstverständlich> zu verstehen. Seine Tugend in der Fähigkeit, diese Unfähigkeit allen Anfechtungen des Alltags zum Trotz durchzuhalten."

Günther Anders, der "Geheimagent der Masseneremiten".

Einer, der selbst nie Teil der akademischen Philosophie werden wollte und der den geistig verwandten Adorno in einem Briefwechsel mit  folgenden Worten kritisierte:

"Damit, durch das Wort ›Professor‹, bin ich bei einer anderen Ursache meiner Schwierigkeit Ihnen gegenüber. Es ist mir nämlich unbegreiflich, wie es möglich ist, auf der einen Seite als philosophischer Autor im prägnantesten Sinne ein Avantgardist zu sein; auf der anderen Seite aber eine offizielle Stellung zu bekleiden, und sich von denjenigen, denen man durch das, was man schreibt, die Achtung versagt, ehren zu lassen. Mir scheint, man kann nicht als ein Professor Nietzsche leben oder als ein surrealistischer Geheimrat. Etwas von dieser Kreuzung haben Sie aber in meinen Augen an sich. Solche Doppelexistenz muss sich, glaube ich, rächen. Ein Revolutionär – und als Theoretiker sind Sie das natürlich –[,] der sich durch seine Stellung selbst seine Hände bindet, der erregt Misstrauen."

Hatte er recht mit dieser Kritik?

Es ist auf jeden Fall schade, dass es diesen Typus des nicht akademischen Intellektuellen bzw. Philosophen gegenwärtig fast überhaupt nicht mehr zu geben scheint.  "Etwas fehlt da ganz gewaltig."

Dazu wiederum Adorno in der Minima Moralia (auf diese Stelle bezieht sich Anders vielleicht auch in seiner Kritik oben)  : "Man könnte aber Nietzsche so wenig in einem Büro, in dessen Vorraum die Sekretärin das Telefon betreut, bis fünf Uhr am Schreibtische sich vorstellen, wie nach vollbrachtem Tagewerk Golf spielend."

PS hat auf diesen Beitrag reagiert.
PS

Ja, auch hier sprichst Du wieder ein sehr wichtiges und ernstes Problem an. Ich denke auch, dass die Akademisierung der Philosophie und vor allem der kritischen Philosophie ein großes Problem darstellt. Und ja: Ich denke auch bei Adorno merkt man in seinen Schriften nach dem 2. Wk. doch einen gewissen "staatstragenden" Zug, im Gegensatz zur DdA oder zu den MM.

Andererseits muss man ja auch von irgendwas leben und wenn einem der Staatsapparat die Möglichkeit gibt, nicht nur leben, sondern auch, seine Theorien einer größeren Öffentlichkeit bekannt zu machen und kommende Generationen von jungen Leuten in seinem Sinne zu prägen, ist das ja auch toll.

Auch als freier Schriftsteller befindet man sich ja in vielfältigen Abhängigkeiten, sofern man über kein externes Einkommen verfügt.

Wenn man vollkommen unabhängig denken will, muss man wohl entweder ein "richtiges Handwerk" beherrschen wie der Linsenschleifer Spinoza (der ein Angebot, in Heidelberg Professor zu werden, dezidiert mit dem Argument ablehnte, dann nicht mehr frei seine Meinung äußern zu dürfen) oder Rentier sein wie Schopenhauer, Nietzsche oder Marx. Wobei ich zugleich glaube, dass die Notwendigkeit, ein Publikum zu erreichen bzw. sich an bestimmte wissenschaftliche Standards zu halten für das Denken auch nicht unbedingt nur abträglich sein muss, sondern auch bereichernd sein kann. Schon allein durch den Druck, etwas zu publizieren.

Und in diesen ganzen Apparaten sammelt man ja auch Erfahrungen, die einem helfen, die soziale Realität besser zu verstehen. Solange man sich von diesen nicht das Gemüt verdüstern lässt, sondern wach und hoffnungsvoll (im Sinne von Bloch) bleibt, ist ja auch das eine große Bereicherung und zwingt zur Konkretisierung des Denkens.

Ich denke, den vollkommen "goldenen Weg" gibt es da einfach nicht. Als Kritiker hat man's einfach immer schwer - aber dafür eben zumindest das Glück des Denkens und Verstehens.

"Eine Partei des Lebens, vielfältig und diffus wie das Leben selbst, doch klaren Sinnes und von eiserner Disziplin, leidenschaftlich und volkstümlich, von Nietzscheschem Geist und von Marxen geschweißt, wird eine Gewalt sein, die alle Trumps und Macrons, alle Jinpings und alle von der Leyens, alle Bezos und Zuckerbergs, alle Sellners und Gaulands, alle Oligarchen und Ölscheichs hinwegfegen [...] wird." (Paul Stephan, Die Linke neu leben)